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  • anneliehesse

Unabhängigkeit

Aktualisiert: Juli 16



Noch bis vor wenigen Jahrzehnten war es in unserem Land übliche Praxis, Neugeborene unmittelbar nach der Geburt kopfüber an den Füßchen in die Luft zu heben, sie zu schlagen (der berühmte „Klaps“) und so ihren sprichwörtlichen "ersten Lebensschrei" zu provozieren; das alles in grellem Kliniklicht, bei einem plötzlichen Temperaturunterschied von 20 Grad. Gleich danach wurde die noch pulsierende, Sauerstoff tragende Nabelschnur durchtrennt, der kleine Mensch von fremden Händen gebadet und in kalte steife Kleidung und Decken gewickelt zusammen mit anderen weinenden Neugeborenen in einem Raum weit weg von der Mutter ins Bettchen abgelegt. Ganz normal schien das damals.


In den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts begann angeregt durch Frédérick Leboyers „Geburt ohne Gewalt“ ein Umdenken einzusetzen. Zusammen mit Erkenntnissen der Bindungsforschung machte sich allmählich die Einsicht breit, dass ein Neugeborenes nicht ins Leben gezwungen und „abgenabelt werden“ muss, sondern die Mutter-Kind-Dyade der ersten Minuten, Stunden und Tagen nach der Geburt ein sehr kompetentes, im besten Sinn sym-biotisches, sinnlich-instinktives Team ist, das in der fragilen Situation des Übergangs ins Leben hinein nicht mehr als ein wenig Begleitung benötigt (medizinische Komplikationen natürlich ausgeschlossen). So weiß man heute, dass der sich im Atemrhythmus hebende und senkende Bauch der gerade zur Mutter gewordenen Frau für das Baby der beste Ankunftsort zur Erholung nach der anstrengenden Geburt ist; dass der sofortige Hautkontakt von Neugeborenem und Eltern die Bindung fördert; dass der mütterlicher Herzschlag ein schon aus dem Uterus bekanntes Geräusch ist, das Kontinuität zwischen „drinnen“ und „draußen“ schafft; dass gedämpftes warmes Raumlicht Stress lindert; dass vorgewärmte weiche Tücher das Baby an der kalten Luft sicher umhüllen; dass ein Bad unnötig ist, weil Neugeborene in der Regel weder blutig noch „schmutzig“ sind; und dass Ruhe und Zeit (und vielleicht eine sanfte helfende Hand) meist völlig ausreichen, damit das hellwache, ruhig atmende Kleine vom Geruchssinn geleitet seinen Weg zur Brust der Mutter findet, wo es selbständig zu saugen beginnt. Die Nabelschnur wird irgendwann von selbst überflüssig und kann ohne Sauerstoffstress durchtrennt werden - wo möglich, vom stolzen frischgebackenen Vater.


Diesen so verschiedenen Lebensanfängen liegt viel mehr zugrunde als nur eine unterschiedliche Vorstellung von Geburtshilfe. In diesen Vorgängen lassen sich grundverschiedene Konzepte unseres menschlichen Selbst erkennen: Im ersten das des abgetrennten, auf sich geworfenen Einzelwesens, das nur durch die heftige Abgrenzung von einem vermeintlich bedrohlichen Zuviel an Bindung und "Verzärtelung" stark genug wird für den einsamen Kampf durch die Härten des Lebens. Und im zweiten zeigt sich ein großes Vertrauen auf die Selbstregulation der Lebenskräfte und auf unsere Fähigkeit, in inniger Verbindung zueinander im natürlichen Rhythmus von Binden und Lösen zu einem starken und freien Selbst zu wachsen. Auch hier atmet das Neugeborene selbständig, darf es aber in seinem eigenen Timing tun, begleitet von dem kontinuierlichen Mutteratem, von dem es sich selbständig zu lösen beginnt, wenn es an der Zeit ist. Nicht umsonst entwickeln sich Frühgeborene am besten mit der "Känguru-Methode" auf der elterlichen Brust. Und bis ins ganze erste Lebensjahr hinein bleiben die elterlichen Körperrhythmen als Taktgeber für das Baby überlebenswichtig, wenn sein Organismus sich hin zur selbständigen Regulation entwickelt: das gemeinsame Schlafen von Baby und Eltern in einem Raum ist aufgrund der elterlichen Atem- und Schlafgeräusche und der sich entwickelnden Schlafrhythmus-Synchronizität die sicherste, weil co-regulierende Schlafumgebung für das Kind und schützt am besten vor plötzlichem Atemstillstand.

Wir Menschen sind keine Inselwesen, die getrennt voneinander durchs Leben flottieren könnten. Wir kommen in tiefer Abhängigkeit voneinander zur Welt. Wir lösen uns von unseren Eltern - um freiwillig neue Verbindungen einzugehen. Nur wer sich selbst stabil und sicher in seiner Eigenständigkeit erlebt, kann sich ohne Angst tief binden. Nur wer unsere existentielle Verbundenheit, ja Abhängigkeit als Grundkonstante unseres Lebens inkorporiert hat, wird ohne Verlustängste in größter innerer Freiheit leben und sich vor dem Alleinesein nicht fürchten. Die Vorstellung völliger zwischenmenschlichen „Unabhängigkeit“ ist aus einer bindungsverhindernden patriarchal-psychologischen Lehre der Identitätswerdung heraus entstanden. Ihr zufolge kommen Individuen erst durch Selbstbehauptung und Abgrenzung ganz zu sich selber. Menschliche Nähe bleibt da angstbesetzt, und die Fähigkeiten zur konstruktiven Konflikt-Reibung, gemeinsamer Lösungskreativität und freiem Kontaktspiel können so erst gar nicht entstehen. Hierzu nämlich braucht es den Schritt hin zu bezogener Individuation: die Entwicklung eines Selbsterlebens, das in der Freiheit verbunden bleibt und in jeder noch so nahen Verbindung den Zugang zur eigenen Freiheit nicht verliert.


Ihre Annelie Hesse

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