Achtsamkeit: Der Reiher im Kreisverkehr
- 19. Apr.
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. Apr.

Es ist schon Jahre her, aber das Bild trage ich noch immer in mir: Ein Tag im Frühjahr an der Bergstraße. Mitten auf der Insel eines viel befahrenen Kreisverkehrs stand ein Reiher. Er spähte konzentriert nach einem leckeren Happen, völlig unbeeindruckt von den Blechlawinen um ihn herum. Ich drehte extra eine zweite Runde im Kreisel, um es zu glauben. Dieser Reiher ist für mich zum Symbol einer achtsamen Haltung geworden.
Das Leben als permanenter Kreisverkehr
Manchmal fühlt sich der Alltag an wie eine Fahrt durch diese unzähligen Kreisel. Kaum ist man aus einem raus, kommt der nächste. Ständig wird der Fahrfluss unterbrochen.
Dieses permanente Unterbrochen-Werden gehört heute zu unserem Standard:
Digitale Unruhe: Ständig piepst oder klingt ein Handy.
Verschwimmende Grenzen: Im Homeoffice verknoten sich Berufliches und Privates oft unauflöslich.
Fragmentierte Gespräche: Kaum ein Austausch gelingt heute noch ohne eine äußere Störung.
Gerade deshalb ist das Bild des Reihers so wertvoll. Er steht fokussiert auf seiner kleinen Insel, während um ihn herum die Autos ihre Kreise drehen. Er ist nicht „abgetaucht“ – er ist präsent.
Präsenz statt Weltflucht
Ein häufiges Missverständnis ist, dass Achtsamkeit bedeutet, in sich selbst zu versinken und die Umwelt zu ignorieren. Der Reiher lehrt uns das Gegenteil: Achtsam sein heißt, im Moment präsent zu sein und aufmerksam wahrzunehmen, was in mir und um mich herum passiert. Der Vogel nimmt jedes Auto wahr; würde eine Tür aufgehen, wäre er in Sekunden weg. Er ist völlig konzentriert auf seine Beute und gleichzeitig hellwach für seine Umgebung.
Den Autopiloten unterbrechen
Wir können das Bild der Kreisverkehre positiv umdrehen. Normalerweise fahren wir „automatisch“. Ein Kreisverkehr zwingt uns, den Autopiloten für einen Moment auszuschalten und uns bewusst zu konzentrieren.
Nutzen Sie diese kleinen Unterbrechungen des Alltags als Inseln des Innehaltens:
Bewusstwerden: Was passiert gerade in diesem Moment?
Zentrierung: Kurz innehalten und zurück in die eigene Mitte kommen.
Integration: Die Aufmerksamkeit halten, auch wenn es ringsum trubelig ist.
Was am Anfang anstrengend erscheint, wird mit der Zeit so selbstverständlich wie der Reiher in der Mitte der Verkehrsinsel.
EXPERTISE Achtsamkeit ist die Kunst, im Auge des Sturms ruhig zu bleiben. Es geht nicht darum, den Sturm zu stoppen, sondern die eigene Wachsamkeit und Präsenz so zu schärfen, dass man vom Wirbel nicht mitgerissen wird.
Ihr Mario Hesse-Keil



