Hoffnung als Haltung der Heilung: Wenn in der Seele „Land unter“ ist
- 19. Apr.
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Aktualisiert: 23. Apr.

Land unter – so sieht der Rhein bei Hochwasser aus. Der Kiesstrand, an dem im Sommer gelacht, gegrillt und gefeiert wird, ist unter strömenden Wassermassen verschwunden. Nichts lässt das bunte Leben erahnen, das hier normalerweise stattfindet. Wer den Fluss nur so kennt, sieht den Strand nicht. Und wer innerlich gerade „Land unter“ erlebt, verliert meist ebenso den Blick dafür, dass es im Leben jemals anders war – und erst recht die Aussicht, dass es wieder besser werden könnte.
Die existenzielle Kraft der Vorstellung
Vielleicht kennen Sie die Szene aus dem Film „Jenseits von Afrika“, in der von einem inhaftierten Massai erzählt wird. Dieser Mann starb im Gefängnis – nicht an Hunger, nicht an Gewalt oder einer Infektion. Er starb, weil er keine Hoffnung mehr hatte. Es war ihm unmöglich geworden, sich vorzustellen, dass die Umstände seines Lebens jemals wieder anders sein könnten.
Wenn wir hoffen, überschreiten wir mit unserer Vorstellungskraft unser gegenwärtiges Erleben. Wir entwerfen uns neu in die Zukunft hinein. Das ist keine weltfremde Fantasie oder eine Lebenslüge, sondern eine tiefe Lebensweisheit.
Hoffnung ist „Erinnerung nach vorne“
Hoffnung ist keine Verdrängung der Wirklichkeit. Sie ist eine Haltung, die in zwei Fähigkeiten gründet:
Erinnerungsvermögen: Das Bewusstsein für das bereits erlebte Gute.
Vertrauen: Der Glaube an die regenerativen Kräfte des Lebens.
Wer am Ufer des Hochwassers steht und sich lebhaft an den letzten Abend am Rheinstrand erinnert, weiß: Unter all dem Wasser ist der Muschelgrund immer noch da. Er wartet nur darauf, in wenigen Wochen wieder zur Bühne für neue Begegnungen zu werden. Wer sich in schweren Zeiten an die Momente von Kraft und Liebe erinnert, gewinnt die Gewissheit, dass die Seele wieder Boden unter die Füße bekommt – auch wenn jetzt gerade nichts davon zu spüren ist.
Die tägliche Übung der Zuversicht
Die Dichterin Hilde Domin sprach von einer „erneuerbaren Hoffnung“. Sie verstand dies als ihre zentrale Fertigkeit, um schwere Schicksalsschläge zu bewältigen. Hoffnung ist eine Gabe, aber auch ein Ansporn: Wir können sie täglich üben – durch Dankbarkeit für das erfahrene Gute und durch die Zuversicht auf einen guten Ausgang.
EXPERTISE Am Ende ist alles gut. Und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende. Hoffnung bedeutet, den nächsten Schritt zu wagen, im Vertrauen darauf, dass der Fluss des Lebens uns wieder zu neuen Ufern trägt.
Ihre Annelie Hesse



