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Achtsamkeit oder der Reiher im Kreisverkehr


Es ist schon Jahre her, aber das Bild trage ich noch immer in mir. Eines Tages im Frühjahr fuhr ich an der Bergstrasse entlang und kam an einen der vielen Kreisel auf der Bundesstraße. Was ich an diesem aber sah, ließ mich staunen. Mitten auf der Insel des Kreisverkehrs stand ein Reiher, der konzentriert spähte, ob dort nicht ein leckerer Happen zu finden wäre.

Ich konnte es nicht so recht glauben, was ich da sah, denn normalerweise fliegen die Vögel doch schon weg, wenn man sich ihnen von weitem her nähert. Also drehte ich noch eine Runde im Kreisel. Der Reiher war noch immer da.

Dieser Reiher im Kreisel ist für mich ein eindrückliches Bild für eine fokussierte und achtsame Haltung geworden. Manchmal fühlt sich der Alltag für mich an wie eine Fahrt entlang der Bergsträßer Bundesstraße. Wo es früher den Kreisverkehr nur in England gab, haben wir mal anders als gewohnt in Deutschland nicht exportiert sondern importiert. Kaum ist man aus einem Kreisverkehr raus, kommt der nächste. Ständig wird man im Fahrfluss unterbrochen um wieder zu kreiseln. Dieses permanente Unterbrochen-Werden gehört aber nun auch zu unserem Alltag jenseits von Autofahrten. Ständig klingt oder piepst ein Handy und es ist kaum ein ruhiges, konzentriertes Gespräch ohne Unterbrechungen möglich.

Auch wenn unser Leben in Zeiten von Corona zwangsberuhigt wurde - ich vermute, dass sich dieses Gefühl von Unterbrechung für viele noch einmal verstärkt hat, weil sich mit der Arbeit im Homeoffice Berufliches und Privates noch mehr verschränken und verknoten.

Gerade deshalb denke ich wohl häufiger mal an diesen Reiher, wie er fokussiert und aufmerksam mitten auf der Verkehrsinsel steht, während um ihn herum die Autos ihre Kreise drehen. Dabei ist er keineswegs abgetaucht in seine Innenwelt ohne seine Umgebung zu bemerken. Wenn plötzlich ein Auto anhalten würde und die Fahrertür aufginge, würde er es in Sekundenbruchteilen bemerken, seine Flügel ausbreiten und sich wieder in gebührenden Abstand bringen.

Achtsam heißt also in diesem Sinn nicht: ich tauche ab und versinke in mich hinein. Achtsam heißt viel mehr: ich bin im Moment präsent und nehme aufmerksam wahr, was in mir und um mich herum passiert. Der Reiher ist völlig darauf konzentriert, seine Beute zu erhaschen und gleichzeitig nimmt er das Drumherum deutlich wahr. Was der Reiher von Natur aus kann, ist uns zivilisationsbedingt leider in Vielem verloren gegangen. Aber es lässt sich wieder lernen.

In diesem Sinn lässt sich das Bild von den Kreiseln im Straßenverkehr auch umdrehen und positiv nutzen. In der Regel fahren wir ja mehr oder weniger automatisch. Ein Kreisverkehr kann nun auch bedeuten, dass der Autopilot für einen Moment unterbrochen wird und wir uns bewusst konzentrieren. Gerade wenn man Achtsamkeit lernt, sind dieses kleinen Unterbrechungen des Alltags sehr hilfreich. Sie sind wie kleine Inseln, in denen ich mir bewusst werde, was gerade passiert. Ein kurzes Innehalten und wieder in seine Mitte kommen. Das ist zunächst durchaus etwas anstrengend, aber mit der Zeit wird es ganz selbstverständlich - so selbstverständlich, wie der Reiher umgeben vom Verkehrstrubel auf dieser kleinen Insel in der Mitte steht, ganz wach und aufmerksam.


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