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  • anneliehesse

Freiheit

Aktualisiert: 12. Sept. 2021





Was verstehen Sie unter Freiheit? Endlich mal tun und lassen können, was Sie wollen? Grenzen überschreiten? Hemmungslos der eigenen Lust und Laune folgen? Losgelöst von Uhrzeiten, Vorschriften und Zwängen in den Tag hineinleben?


Meistens fällt uns beim Wort Freiheit als erstes ein, was wir alles loswerden wollen: Freiheit von Verpflichtungen, Erwartungen und Einschränkungen. Von welcher Last wir uns liebend gern sofort befreien möchten, ist für die meisten leicht zu sagen. Die "Freiheit von etwas" beschäftigt besonders junge Menschen in Ablösungsprozessen. Sie ist die pubertäre Form der Freiheit. Das, was die Eltern verkörpern ist das, von dem es sich aus Sicht der Jugendlichen zu befreien gilt und das bekämpft wird.


Erst in späteren Jahren merken wir: Solange wir vor allem dagegen sind, alles anders machen wollen und unsere Kraft dafür einsetzen, etwas nicht zu sein, so lange stehen wir immer noch in abhängiger Beziehung zu dem, von dem wir uns eigentlich befreien möchten. Indem wir etwas bekämpfen, bleiben wir daran gebunden. Wirklich frei sind wir erst, wenn wir uns besser kennenlernen und spüren, wozu wir unseren Freiraum im Einklang mit unserem inneren Selbst nutzen und wie wir ihn gestalten möchten. Die "Freiheit zu etwas" setzt also einen unabhängigen eigenen Standpunkt voraus, von dem aus ich achtsam und bewusst entscheiden kann. Egal, ob meine Eltern das so oder anders machen würden. Unabhängiger Standpunkt, das heißt auch: nicht aus Lust und Laune, denn niemand, der nur von seiner momentanen Verfassung oder Stimmung getrieben handelt, ist frei.


"Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit", so hat es, oft zitiert, der Philosoph Hegel formuliert. Was gegensätzlich erscheint, erschließt auf paradoxe Weise einen neuen Sinn. Die reife Form der Freiheit scheut keine Bindungen. Sie wählt, sie entscheidet, sie lebt ihre Autonomie, aber sie tut dies im Einklang mit der Gemeinschaft, denn sie kann sich verbinden, einlassen und hingeben, ohne um den Verlust ihrer "Freiheit" zu fürchten. Beschränkungen zu akzeptieren und auf Optionen verzichten zu können verleiht dem Freiheitserleben Tiefe. Wer in diesem Sinn frei ist, muss nicht mehr alles ausprobieren und jede Gelegenheit mitnehmen, weil er weiß: nichts befreit von der Begegnung mit sich selber. Und nur im Ja zum Moment bin ich unendlich frei.


Ihre Annelie Hesse

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