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Hoffnung als Haltung der Heilung

Aktualisiert: Juli 14


Land unter – so sieht der Rhein bei Hochwasser aus. Der Kiesstrand, auf dem sich sonst im Sommer Menschen mit ihren Familien und Freunden treffen, sich sonnen, picknicken, grillen: überflutet von strömenden Wassermassen. Nichts lässt das Leben ahnen, das sonst hier tagsüber bunt und fröhlich oder romantisch bei Sonnenuntergang stattfindet.

Wer den Rhein nur so kennt, sieht das alles nicht. Und bei wem innerlich gerade „Land unter“ ist, der verliert meist ebenso aus dem Blick, dass es auch schon mal anders war im Leben. Und erst recht die Aussicht, dass es wieder besser werden könnte.


Vielleicht kennen Sie die Stelle aus dem Film „Jenseits von Afrika“, in der von einem inhaftierten Massai erzählt wird. Dieser Mann, so berichtet die Erzählung, starb im Gefängnis - nicht aus Mangel an Nahrung, nicht an einer Infektion und auch nicht durch Gewalt. Er starb, weil er keine Hoffnung hatte, je wieder aus dem Gefängnis herauszukommen. Es war es ihm unmöglich, sich vorzustellen, dass die Umstände seines Lebens je wieder anders werden könnten.


Wenn wir hoffen, dann überschreiten wir mit unserer Vorstellungskraft unser gegenwärtiges Erleben und entwerfen uns neu in die Zukunft hinein. Nicht im Sinn einer völlig weltfremden Fantasie oder rosaroten Lebenslüge oder eines nassforschen „Kopf hoch, das wird schon wieder“, sondern als Lebensweisheit, die uns hilft, schwere Zeiten zu überstehen und Heilung geschehen zu lassen. Hoffnung ist nämlich keine Verdrängung der Wirklichkeit, sondern eine Haltung, die man einüben kann und die in zwei Fähigkeiten gründet: in Erinnerungsvermögen an das erlebte Gute und im Vertrauen auf das Leben. Hoffnung ist Erinnerung nach vorne. Wer sich am Ufer des Hochwasser führenden Rheins noch lebhaft an den letzten herrlichen Abend am Rheinstrand erinnern kann, weiß, dass unter all dem Wasser der Kies- und Muschelgrund immer noch da ist und schon in wenigen Tagen oder Wochen zu neuen Strandparties einlädt. Und wer sich in schweren Zeiten an die vielen Erlebnisse von Kraft und Liebe in seinem Leben erinnert und auf das Kommen und Gehen der Lebenszyklen vertraut, wird gewiss, dass auch seine Seele wieder Boden unter die Füße bekommt und fröhliche Tage kommen werden - auch wenn jetzt gerade davon nichts zu sehen oder zu spüren ist.


Sie habe eine erneuerbare Hoffnung, hat die Dichterin Hilde Domin einmal gesagt und das als ihre Grundfertigkeit zur Lebensbewältigung durch schwere Schicksalsschläge hindurch verstanden. Eine Gabe, sie einfach so zu besitzen, und ein Ansporn an alle, denen sie schwer fällt, sie täglich zu üben: durch Dankbarkeit für das erfahrene Gute im Leben und durch Zuversicht auf einen guten Ausgang hin. Am Ende ist alles gut – und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.

Ihre Annelie Hesse

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